Folksongs von Luciano Berio

Folksongs von Luciano Berio in Augsburg

JUNGE MUSIKER IM DSCHUNGEL DER AVANTGARDE
Sie haben sich erst im letzten Jahr in München gefunden, und sie sind noch unglaublich jung (14 bis 23 Jahre). Doch „Ju(mb)le“, das „jugendensemble für neue musik bayern“, kommt unter seinem Dirigenten Johannes X. Schachtner (*1985) bereits ebenso unerschrocken wie erstaunlich virtuos im Dschungel der Avantgarde zurecht. Im Kleinen Goldenen Saal hätte man ihm an diesem ungewöhnlichen Nachmittagstermin noch mehr Publikum gewünscht. Doch das Programm, das vom Auftritt der Sängerin Salome Kammer prominent unterstützt wurde, bot ein Panorama brillant dargebotener neuer Musik – einen modernen „Klassiker“ sowie Werke junger Komponisten.
Flöte, Oboe, Klarinette, Posaune, Percussion, Klavier, Harfe, zwei Violinen, Viola, Cello und Kontrabass machten als transparente Sinfonietta-Besetzung neugierig. Die „Folk Songs“ von Luciano Berio (1925–2003) für Mezzosopran und sieben Instrumente erwiesen sich dabei als hinreißender musikalischer Atlas. Wie Berio mit seiner raffinierten Klangsprache Anmutungen der Volksmusik von Amerika über Mittelasien (Armenien, Aserbaidschan) bis zu den verschiedenen Dialektregionen in Frankreich (Auvergne) und Italien (Sardinien, Sizilien) berührt, sanft streift, verdichtet und per Zitat, harmonischer Raster, aber auch genialer neuer Tonfindungen auf den Punkt bringt, ist großartig. Ebenso, dass er damit nie in die Nähe eines billigen Folk gerät.
Es gibt wohl niemanden, der die Gebärden, Leidenschaften und das hintersinnige Raffinement dieser Ereignisse besser trifft, als die Stimmartistin Salome Kammer. Die Avantgardesängerin, in Augsburg unvergessen auf der Freilichtbühne mit der „Bernauerin“ und Eliza Doolittle, Edgar Reitz’ „Heimat“-Star, schlüpft mit virtuoser Wandelfähigkeit in alle Lagen: irisches Fiddle-Flair, fast afrikanisch archaische Nuancen in sardischen „Weisen“, mittelalterliche Troubadour-Stimmung aus Frankreich, oder einfach skurriles Vokaltheater – immer in Klangnähe zu den instrumentalen Farben.
Ebenso faszinierte sie mit der Uraufführung „Buenos Aires“ für Gesang und zwölf Instrumente von Jan Müller-Wieland (*1966), ein abenteuerliches musikalischen Kreisen, ein Suchen und Finden einer imaginären Melodie, vage Déjà-vus zu abgewandelten Rilke-Texten… Das Publikum feierte die Sängerin Salome Kammer und das von Schachtner souverän durch diese Klangereignisse geführte Jugendorchester.

Text: Manfred Engelhard, Foto: Wolfgang Diekamp, Augsburger Allgemeine, 2016

 

FOLKSONGS UND GÖTTLICHER TANGO
„Jumble“ nennt sich das 2015 in München gegründete Jugendensemble für Neue Musik, das am Sonntag im Augsburger Kleinen Goldenen Saal gastierte. Ziel des Gründers und Dirigenten Johannes X. Schachtner: Jungen, begabten Musikern die Gelegenheit zur intensiven Beschäftigung mit Neuer Musik zu verschaffen, komplette Konzertprogramm einzustudieren und dabei von kompetenten und erfahrenen Dozenten, Komponisten und Solisten angeleitet zu werden. Und, sozusagen als „Zugpferd“, jeweils einen prominenten Solisten als dabei zu haben.
Dass dieses Konzept aufgeht, zeigte das Ensemble am Sonntag zunächst mit den berührenden „Folk Songs“ von Luciano Berio – und mit seinem “Stargast“, der Sängerin und Schauspielerin Salome Kammer. So zart, wie Berio seine Volksliedvertonungen angeht, so zart interpretiert Kammer sie zunächst – doch es sind auch derbe Weisen darunter, und die Lieder aus Italien, Frankreich, Sardinien und schließlich sogar aus Aserbaidschan machen es dann doch notwendig, dass die Sängerin mal frech, mal erotisch, mal fröhlich und mal klagend, mal gurrend, mal zeternd ihr ganzes Repertoire zwischen Singen, Sprechen und Schreien einsetzen kann. Wunderbar, wie das „R“ mal bayrisch rollt, mal am Gaumen kratzt – fast nimmt der Gesang beim Zuhören zu viel Konzentration in Anspruch, droht die Musik zu verblassen.
Doch auch die kann in ihren Bann ziehen: Wie das Ensemble in Berios Komposition aus zunächst kleinster Besetzung nach und nach lauter und präsenter wird, wie zunächst nur Viola und Harfe die Stimme begleiten, wie immer mehr Instrumente dazukommen und das kleine Orchester schließlich lautmalerisch nicht nur die Nachtigall, sondern den ganzen tiefen Wald nicht nachahmt, sondern in faszinierende assoziative Klänge umsetzt – ein wunderbares Hörerlebnis. Und wie am Ende Salome Kammer ein aserbaidschanisches Liebeslied interpretiert, dessen Text, dem Programmheft zufolge, eigentlich völlig unverständlich und unübersetzbar ist – das ist ein durchaus fröhliches Erlebnis…
Zum Schluss noch „Buenos Aires“ von Jan Müller-Wieland. Er hat aus Rilkes Gott-Gedichten den Gott eliminiert und dafür die Musik, den Tango als sein eigenes Heiliges hineingedichtet. „Ich glaube an Tänze“, heißt es nun, und seine Komposition wende sich „gegen den Kummer“, wie er schreibt, der Tango kommt musikalisch nicht vor, stattdessen nähert sich die Komposition dann doch Rilkes überirdischem Sehnen. Das Ende des Konzertes ist denn auch einem Gebet ähnlich: „Ich glaube, ich …“ – laaaange Pause – „… lebe“, singt Salome Kammer, nein, sie flüstert es. Auch wenn es draußen nicht geregnet hätte: eine lohnende Sonntagsstunde im Kleinen Goldenen Saal! Viel Applaus für den mutigen und erfolgreichen Nachwuchs.

 Frank Heindl, Die Augsburger Zeitung, 2016

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