Kafka Fragmente von György Kurtág

Kafka- Fragmente in Schwetzingen

Kafkas schönstes Erlebnis in Musik

Bereits der Weg zur Bühne ist ein Teil der Inszenierung: „Die Guten gehn im gleichen Schritt“, singt Salome Kammer und schreitet durch den Mozartsaal des Schwetzinger Schlosses. Geigerin Carolin Widmann spielt dazu abwechselnd zwei Töne, das Schreiten in Musik. Stimme und Musik laufen jedoch gegeneinander, es ist kein Gleichschritt.

Schon beim ersten der 40 Kafka-Fragmente des ungarischen Komponisten György Kurtág zeigen Kammer und Widmann, wie man die kleinen Musikstücke dramatisch aufpolieren kann. Zweifellos ist es großartig, das Duo im Rahmen der Schwetzinger SWR-Festspiele zu hören, doch vor allem muss man es sehen. Das ist durchaus ungewöhnlich, denn Kurtágs Werk ist eigentlich keine theatrale Musik. Den Miniaturen für Stimme und Violine liegen fragmentarische Texte von Franz Kafka zugrunde – kurze Ausschnitte aus Tagebüchern, Aphorismen, Notizen. Nummer 4 mit dem Titel „Ruhelos“ besteht ledigich aus ebenjenem Wort und dauert etwa eine halbe Minute. Verdichtungen bis an die Grenze des Möglichen. Das ist intensiv, Musik in hoher Konzentration.

Beide Musiker verfügen über eine große gestalterische Bandbreite. Widmann spielt auf zwei unterschiedlich gestimmten Violinen spitze Pizzicati, artikuliert Glissandi und Klangverfremdungen auf den Punkt. Kammers Stimme erklingt oft schrill und teilweise trotzig und naiv wie ein kleines Kind. Das führt zu eruptiven Ausbrüchen mit grellen Spitzen. Neben den ekstatischen Passagen fesseln die Musiker aber auch im Zaghaften. Kammer und Widmann sind ein eingespieltes Duo, ihre Interaktion miteinander geschieht wie von allein. Jedoch nicht, um des Schauspiels willen, sondern um die Musik auf einer weiteren Ebene auszudeuten. Immer wieder setzt Kammer über Gestik und Musik überraschende Impulse. Die Violine zupft musikalisch am Kleid der Sängerin, die mit einem bösen Blick antwortet.

Das führt zu Schmunzeln im Publikum, bei allen großen philosophischen Fragen kommen Humor und Ironie nicht zu kurz. „Einmal brach ich mir das Bein, es war das schönste Erlebnis meines Lebens“, lautet eines der vertonten Kafka-Zitate. Und so muss man sich einfach verlieren in Kurtágs Bruchstücken, Ideen und Gedanken, die meist ohne Handlung auskommen, aber hier brilliant musiziert und choreographiert werden. Bravo-Rufe, ganz zu recht.

Jesper Klein, Rhein-Neckar-Zeitung, 2017

Kafka-Fragmente in München

Was für wertvolle Perlen sind doch immer wieder … zu entdecken: Diesmal György Kurtágs teils existenzielle, teils ironisch-humorvolle Kafka-Fragmente op.24 – gespielt und gesungen von Salome Kammer und der Geigerin Carolin Widmann.
Beide haben diese 40 Miniaturen, die zusammen knapp eine Stunde dauern, mit dem Komponisten einstudiert.
Das hört – und sieht – man in jeder Sekunde. Weil Salome Kammer nicht nur eine famose Sängerin ist, sondern auch eine erfahrene Schauspielerin, gestaltet sie nicht nur mit enorm flexibler Stimme alle Facetten zwischen Sprechen, Sprechgesang, lyrischem und höchst expressivem Singen, sondern lässt Mimik und Körpersprache mitagieren.
Carolin Widmann begleitet mit ihrer Geige nicht einfach, sondern ist Partnerin, die instrumental schon mal widerspricht, zunächst im Wortsinn mitspielt, dann ausbricht und wieder zurückkehrt oder plötzlich einen frechen Kommentar gibt….
Lustvoller, spannender, weitgefächerter ist zeitgenössische Musik selten, die knappe Stunde verging wie im Flug. Aber kaum dachte man noch über einen paradox gleichnishaften Satz und seine Musikalisierung nach, wurde man schon mit der nächsten prägnanten Essenz bombardiert.

Klaus Kalchschmid, Süddeutsche Zeitung,  2015

 

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Kafka-Fragmente in Salzburg

Das Labyrinth sparsam möbliert
BIENNALE / KAFKA-FRAGMENTE

Es gibt Traumbesetzungen für ein bestimmtes Werk. Die Geigerin Carolin Widmann und die Sopranistin Salome Kammer als Interpretinnen von György Kurtágs „Kafka-Fragmenten“: Da ist einfach alles „Ton in Ton“.

„Die Guten gehen im gleichen Schritt“: Beharrlich eröffnet die Geige den Zyklus von vierzig musikalischen Aphorismen mit dem immer gleichen Ganztonschritt, während die Sängerin urplötzlich ins Tirilieren gerät, weil: „Ohne von ihnen zu wissen tanzen die anderen um sie die Tänze der Zeit.“ Es sind immer wieder die Spannungen und Widersprüche, die – eben „kafkaesken“ – Ungereimtheiten und Bizarrerien, die György Kurtágs Mitte der achtziger Jahre entstandenen „Kafka-Fragmente“ zu einem grandios-üppigen Mikrokosmos des puren Lebens anwachsen lassen. Es ist eben nichts von Natur aus geradlinig, widerspruchslos, gereimt: „Auf Balzacs Spazierstockgriff: ich breche alle Hindernisse. Auf meinem: Mich brechen alle Hindernisse. Gemeinsam ist das ‚alle‘.“

Es wäre nicht Kurtág, wenn es nicht auf verdichtete Miniaturen hinaus liefe. Und es wäre nicht er, wenn er dafür als Textvorlagen nicht das denkbar Minimalistische herausgesucht hätte, Bruchstücke aus Kafkas Tagebüchern. Die Herausforderung für die Interpreten: das Doppelbödige herauszukitzeln, die Haken und Fußangeln von Aphorismen hör- und erfahrbar zu machen und dabei doch das Spielerische nicht zu verlieren: „Der wahre Weg geht über ein Seil, das nicht in der Höhe gespannt ist, sondern knapp über dem Boden. Es scheint mehr bestimmt, stolpern zu machen, als begangen zu werden.“

So entfaltet Carolin Widmann auf der Geige all die schön-hintersinnigen Melodien, die von der Sängerin entlarvend-zweideutig beantwortet werden. Und wenn es an der Singstimme ist, ein scheinbares Idyll zu fassen, dann ist es die Instrumentalistin, die mit schneidendem Bogen den Faden zur Glückseligkeit zerschneidet. Niemand, heißt es einmal, „singt so rein wie die, die in der tiefsten Hölle sind; was wir für den Gesang der Engel halten, ist ihr Gesang.“

Die Salzburg-Biennale hat am Donnerstag (17.3.) im Landestheater eine aus dem Jahr 2007 stammende szenische Auflösung vorgestellt, von dem Regisseur Antoine Gindt, mit knappen Video-Beiträgen von Klaus Grünberg, mit zwei Schauspielern und einigen Statisten. Keine große „Szene“: eine quadratische Spielfläche, ein Vorhang mit Falten, der eindrucksvolle Lichteffekte zulässt. Hinter dem Vorhang auch eine Art Zuschauer-Tribüne. Man kann all die lebensnahen Bizarrerien eben von unterschiedlichen Seiten betrachten. Das kafkaeske Labyrinth à la Kurtág ist ganz sparsam möbliert. Diese szenische Umsetzung hilft eben deshalb, weil sie einen so charmanten wie sezierenden Blick nahe legt, ohne vorschnell Deutung und Bedeutung aufzudrängen.

Reinhard Kriechbaum, Drehpunktkultur, 2011

 

Kafka-Fragmente in Berlin

…Salome Kammer versieht die Texte und Tonkurven mit dem Flair der Diseuse, halb verdämmerter Pierrot lunaire halb expressive Opernsopranistin – wobei die Tonschönheit einer J. Banse nicht ihr Weg sein kann. Kammers Wandlungsfähigkeit in Darstellung wie Stimme ist allerdings enorm….

Wolfgang Schreiber, Süddeutsche Zeitung, 2009

 

Kafka-Fragmente in Hamburg

Aus Kafkas Tagebüchern
Der intime Dialog von Stimme und Instrument bildete unüberhörbar einen Schwerpunkt im diesjährigen Programm der „Ostertöne“. Eine ganz besondere, ungewöhnliche Kombination konnten die begeisterten Zuhörer am Karfreitag im Kleinen Saal der Laeiszhalle erleben: Der ungarische Komponist György Kurtag hat vierzig Textfragmente aus Tagebüchern und anderen privaten Schriften von Franz Kafka ausgewählt und für Sopran und Violine vertont: ein ganz vertrautes, meist zerbrechlich zartes Zwiegespräch, bei dem die beiden Stimmen in unterschiedlichster Weise aufeinander reagieren, sich umranken oder gegenseitig zu kurzen Eruptionen aufschaukeln. Sängerschauspielerin Salome Kammer und die junge Ausnahmegeigerin Carolin Widmann bewältigten den wirklich extrem komplexen Notentext der Komposition mit beeindruckender Souveränität und formten die oft nur ganz kurzen Einzelstücke zu einem äußerst dicht verzahnten Konzentrat kammermusikalischer Intensität. Alleine für diese ganz besondere, tief einprägsame Stunde hätte sich der Besuch der „Ostertöne“ gelohnt.

 Hamburger Abendblatt, 2007

 

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 Kafka-Fragmente in Neuhardenberg

…Jede Aufführung dieser „Kafka-Fragmente“ für Sopran und Violine kommt einem Grenzgang gleich, sowohl für die Interpreten – hier in Neuhardenberg Salome Kammer und Carolin Widmann, die auf den ersten Blick nur schwer zueinander zu passen scheinen – als auch für die Zuhörer, die eine geschlagene Stunde lang den minimalstischen Visionen Kafkas und Kurtags ausgesetzt bleiben. Kammer vereinte in ihrer Gestaltung sozusagen die Sopranistin mit der Diseuse, schuf gleichsam eine Kurtag-Brettlbühne der hochgespannten, oftmals schier explodierenden Gesten des Singens, Sprechens und Bedeutens, während Carolin Widmann ihre souveräne geigerische Konzentration und Intensität gleißend in den Dienst dieser so präzisen wie hochaufgeladenen Miniaturen stellte.

Wolfgang Schreiber, Süddeutsche Zeitung.2006

Kafka-Fragmente in Kaiserslautern

Durch die Vertonung Kurtags gewinnen diese Fragmente, Miniaturen oder Aphorismen an dramatischer Dichte, an gedanklicher Geschlossenheit und an Ausdrucksemphase bis hin zur Extase. Was auch an der entfesselten Vortragsweise der Sopranistin Salome Kammer liegt, die jede Note und Textsilbe mit großer Intensität auskostet und in einer Art Sprechgesang alle nur erdenklichen Finessen einer subtilen Wort-Ton-Behandlung vorstellte. Dabei hatte sie mit ihrer großen stimmlichen Charakterisierungsfähigkeit alle Möglichkeiten der Textausdeutung deklamatorisch ausgeschöpft. Hinter der Fassade des scheinbar monotonen Sprechgesangs verbirgt sich nämlich ein höchst artifizieller Vortragsstil, der von einem anspruchsvollen Violinpart (Carolin Widmann) umspielt wird.

Reiner Henn, Die Rheinpfalz, 2005

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